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Allendorf von der Werra aus, mit Stadtmauer und der Kirche St. Crucis
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Die Kirchen und was unter ihnen liegt

St. Crucis stand schon, als sie 1218 verschenkt wurde. Bei den Grabungen 2006 und 2007 kam eine Fibel aus dem 9. Jahrhundert zutage — und damit der erste Bodenfund, der die Schriftquellen der Stadt einholt.

Foto: Tilman2007, 2018 · Wikimedia Commons · CC BY-SA 4.0 · Alle Bildnachweise

Zwei Kirchen prägen die Stadt, und sie liegen 740 Jahre auseinander. St. Crucis in Allendorf ist älter als die erste Urkunde, die sie nennt. St. Bonifatius in Sooden ist 1958 gebaut und wollte ausdrücklich kein Kirchenbau alten Stils sein, sondern ein „Zelt Gottes“.

St. Crucis: die Baugeschichte

Die Kirche steht nahe dem Werraufer, das Gelände ist teilweise von der alten Stadtmauer umgeben, der Friedhof liegt daneben und ist durch ein Tor angebunden. Beides liegt hoch genug, dass das Werrahochwasser es verschont — bei einer Stadt, die zweimal im Jahr nasse Füße bekommt, ist das keine Nebensache.

Wann sie gebaut wurde, weiß niemand. Was man weiß, ist der Zeitpunkt, an dem sie schon stand: 1218 schenkte Landgraf Ludwig IV. von Thüringen die bestehende Pfarrkirche in Aldendorf dem Katharinenkloster in Eisenach. In der Südwand des Langhauses stecken romanische Reste, die noch älter sind.

St. Crucis in Daten
ZeitWas geschah
vor 1218Die Kirche existiert. Romanische Reste in der Südwand des Langhauses.
1218Ludwig IV. von Thüringen schenkt die Pfarrkirche dem Katharinenkloster Eisenach.
um 1300Erweiterung nach Norden — die frühesten gotischen Bauformen des Hauses.
bis 1386Der gotische Bau ist fertig. Geplant war eine dreischiffige Basilika; gebaut wurde eine zweischiffige Hallenkirche.
1424–1476Der quadratische Turm entsteht. Eine Inschrift am Turm nennt 1424 — das früheste überlieferte Datum der Kirche.
27. April 1637Kaiserliche Truppen brennen die Stadt aus. Kirchenschiff, Chor und Kapelle brennen, die gotischen Rippengewölbe der beiden Hauptschiffe stürzen ein.
bis etwa 1687Rund fünfzig Jahre ohne Dach. Beim Wiederaufbau ersetzen flache Holzbalkendecken die Gewölbe — damit ist die Zweischiffigkeit als Raumwirkung verloren.
1719Der Turm bekommt die barocke Haube mit Galerie. Sie gibt ihm seine Sonderstellung unter den hessischen Kirchtürmen. Höhe heute 65 m.
21. JahrhundertDach, Innenraum und Orgel stehen zur Erneuerung an; die Orgel ist seit 2018 erledigt.

Der Chor hat überlebt, was das Langhaus verlor: seine gotischen Rippengewölbe und fünf Maßwerkfenster. Er endet in einem 5/8-Schluss. Nördlich des Turms kam nach dem Turmbau eine Taufkapelle hinzu.

Das Steinmetzzeichen am Turm — eine offene Frage

In 32,50 Meter Höhe über dem Boden sitzt am Turm ein Steinmetzzeichen. Es ist 30 Zentimeter hoch und 2 Zentimeter tief, und es steckt in einer wappenförmigen Umrandung — das bedeutet: es ist nicht das Zeichen eines Gesellen, sondern das eines Handwerkermeisters. Der Mann hat seine Unterschrift in 32 Meter Höhe hinterlassen, wo sie niemand liest.

Wer er war, ist unbekannt. Der Verein hat das Zeichen 2008 fotografiert und mit einem Zeichen aus Kyllburg in der Eifel verglichen. Die Ähnlichkeit ist da; die Form ist etwas schlanker, aber die „Füße“ des Zeichens sind in fünfhundert Jahren verwittert. Ein Hinweis deutet auf einen Weg des Steinmetzen von Kyllburg über Allendorf nach Wien. Beweisen lässt sich das nicht.

Die Bitte von 2008 gilt weiter

Der Verein hat die Zeichen damals bewusst groß und in Graustufen ins Netz gestellt, in der Hoffnung, dass jemand sie wiedererkennt — ein Bauforscher, ein Steinmetz, ein Archiv. Bisher ist niemand gekommen. Wenn Sie ein gleiches oder ähnliches Zeichen an einem anderen Bau kennen: schreiben Sie uns.

Zur Datierung: Die vorläufige Auswertung der Zeichen (Gerhard Rademacher, Kenntnisstand April 2008) setzt den Turmbaubeginn auf den 25. Mai 1424 und das Bauende auf 1476, letzteres ausdrücklich unsicher. Die kunsthistorische Literatur nennt für den Beginn den 26. Mai 1424. Einen Tag Unterschied — wir nennen beide Angaben, statt eine davon glatt zu ziehen.

Was in der Kirche steht

  • Die Kanzel, 1684. Barock, und auf dem Schalldeckel ein geschnitzter Pelikan — das alte Bild für Christus, weil man dem Vogel nachsagte, er reiße sich die Brust auf, um die Jungen mit dem eigenen Blut zu nähren.
  • Der Altar ist ein barocker Steinaufbau von 1637 — aus dem Jahr des Brandes.
  • Die Glocken. Drei Bronzeglocken des 18. Jahrhunderts hängen noch im Turm: eine von 1799, gegossen von Conrad Peter in Homberg an der Efze, 1.890 kg; zwei von 1732 aus der Gießerei Melchior Peter Hansen in Allendorf, 1.232 kg und 700 kg. Sie waren im Zweiten Weltkrieg abgeliefert und kamen zurück.
  • Die Fenster. Die drei mittleren Chorfenster wurden bei der Renovierung 1959 neu geschaffen.
  • Die Orgeln. Hinter dem Altar steht seit 1973 eine kleine einmanualige Orgel aus Weißenbach, um 1875. Die große Orgel von 1959 mit 35 Registern wurde 2015 abgebaut. Am 3. Juni 2018 wurde das neue Instrument von Orgelbau Schulte geweiht: 61 Register, romantisch disponiert, mit wiederverwendeten Teilen einer Orgel von 1852 aus Holy Trinity in Cambridge.

Die Grabungen 2006 und 2007

Als das Außengelände der Kirche neu gestaltet und Rohrleitungen verlegt wurden, war Gelegenheit, in den Boden zu sehen. Die AG Archäologie im Werra-Meißner-Kreis hat die Arbeiten baubegleitend untersucht — im Sommer 2007 mit 255 ehrenamtlichen Stunden von Mitarbeitern der AG und örtlichen Helfern. Den Bericht hat Dr. Karl Kollmann, Eschwege, vorgelegt.

Der Befund an der westlichen Südseite war zunächst enttäuschend: keine wesentlichen neuen Erkenntnisse zu Vorgängerbauten. Der gewachsene Fels, weiter östlich in rund 1,60 m Tiefe angetroffen, war hier in über 4 m noch nicht erreicht — das Gelände treppt nach Westen zur Werraaue hin ab. Nach Osten schloss eine Grundmauer aus behauenen Sandsteinen den Schnitt ab, von Nord nach Süd verlaufend, ins hohe bis späte Mittelalter zu stellen.

Den größten Teil der Schichtenfolge nahm etwas anderes ein: ein Knochenlager von über einem Meter Mächtigkeit, an die Kirchenmauer angeschüttet. So etwas entsteht über Jahrhunderte, wenn beim Ausheben neuer Gräber auf ältere Bestattungen gestoßen wird. Die Anordnung der Knochen war, wie Kollmann trocken vermerkt, „recht wirr“ — mit den Überresten wurde nicht pietätvoll umgegangen. Sie wurden nach Abschluss der Grabung in einer Grube am Schnitt wieder verfüllt.

Unter dem Knochenlager lag ein schmaler, sehr fester Tonhorizont mit Asche darauf: ein Brandereignis, dem Anschein nach im späten Mittelalter. Über dem Knochenlager dagegen eine fundreiche Schicht vom hohen Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert. Darin auffällig viele Glasgefäßscherben, deren Form auf eine Apotheke deutet, und Keramik, die eher nach Handwerk als nach Haushalt aussieht. Dazu ein fast vollständig rekonstruierbares Gefäß aus grober Keramik und ein neuzeitliches Bildkachelfragment, 9 × 12,3 cm, mit einer kopflosen Frauengestalt und einer nur teilweise erhaltenen Inschrift in Kapitalen, die dem Sinn nach von der Endlichkeit des Lebens spricht.

In der Kampagne 2006, unterhalb des Kirchengebäudes, waren Personen in Steinkisten bestattet gefunden worden; eine Radiokohlenstoffdatierung legte den frühesten Befund auf die Zeit kurz nach 1100. Und Grundmauern des südlichen Kreuzarmes stützten die Vermutung, dass die Kirche einmal die Form eines Kreuzes hatte — was zum Patrozinium passt: St. Crucis, zum Heiligen Kreuz.

Die Fibel mit den zwei Heiligen

Im umgelagerten Material lag eine Metallscheibe von knapp drei Zentimetern Durchmesser. Nach grober Reinigung war es eine Heiligenfibel, ausgeführt in Grubenschmelztechnik: zwei menschliche Halbfiguren nebeneinander, Gesicht, Oberkörper und Nimbus in kleinen Mulden angedeutet, darin Reste farbiger Glaspaste in Rotbraun, Grün und Weiß. Die Öse auf der Rückseite ist noch zu erkennen, die Nadel fehlt.

Die Anordnung der Mulden entspricht exakt einem Stück im Mittelrheinischen Landesmuseum Mainz (Inv. Nr. 5855). Von den zahlreichen bekannten scheibenförmigen Heiligenfibeln zeigen nur fünf zwei Personen nebeneinander; man geht davon aus, dass damit die Apostel Petrus und Paulus gemeint sind. Die Forschung datiert die Heiligenfibeln überwiegend ins 9. Jahrhundert; in Mode waren sie nur etwa zwei Generationen lang.

Warum der Fund für die Stadt zählt

Wer eine solche Fibel am Gewand trug, teilte seiner Umwelt mit, dass er Christ war — in einem Gebiet, in dem das Christentum im 9. Jahrhundert erst Fuß fasste. Die urkundliche Überlieferung von Bad Sooden-Allendorf setzt um das Jahr 900 ein. Mit der Fibel kommt zum ersten Mal ein Bodenfund hinzu, der so weit zurückreicht. Der Träger war Christ und ließ sich an einer christlichen Kirche bestatten: für St. Crucis ist damit ein Vorgängerbau mindestens spätkarolingischer Zeit am Standort der heutigen Kirche zu erschließen.

Kollmann nennt den Fund selbst „bescheiden“. Das ist er auch — drei Zentimeter Metall. Er verschiebt trotzdem, was über den Ort gesagt werden kann, um gut hundert Jahre nach hinten.

Die genaue Zeitstellung des Stücks bleibt offen, weil es aus einer jüngeren, umgelagerten Schicht kommt und damit keinen eigenen Datierungsanker hat.

St. Bonifatius

Die katholische Gemeinde ist in der Stadt jung. 1887 kaufte Kuratus Pfeiffer aus Eschwege vor dem Waldistor ein Gartengrundstück für eine Missionskapelle. Grundsteinlegung war am 5. Februar 1890, dem Fest der heiligen Agatha; am 9. September 1891 wurde die Kapelle benediziert. Sie war neugotisch, hatte etwa hundert Sitzplätze und war dem heiligen Bonifatius geweiht.

In den Grundstein wurde eine lateinische Urkunde eingemauert. Sie nennt den Papst, den Kaiser, den Bischof von Fulda — Dr. Joseph Weyland —, den segnenden Kaplan Karl Schmalstieg aus Gerbershausen, der wegen Priestermangels für den Eschweger Pfarrer einsprang, den Bauplan des Kasseler Regimentsarchitekten Georg Kegel und den ausführenden Maurer Teschner aus Allendorf. Und sie bittet den heiligen Josef, den Patron der Arbeiter, dass niemand auf der Baustelle zu Schaden komme.

Eine Berichtigung

In der älteren Vereinsdarstellung steht als Papst des Jahres 1890 „Leo VIII.“. Das ist ein Zahlendreher: Leo VIII. war Papst im 10. Jahrhundert. Gemeint ist Leo XIII., Papst von 1878 bis 1903. Bischof Joseph Weyland war von seiner Konsekration am 25. Januar 1888 bis zu seinem Tod am 11. Januar 1894 im Amt — für Februar 1890 stimmt die Angabe also.

Dann ging es langsam weiter: 1893 kaufte Kaplan Schmalstieg für 800 Mark ein 310 m² großes Grundstück vor dem Wahlhäuser Tor, weil ein Pfarrhaus gebraucht wurde; 1894 war es fertig, die Jahreszahl steht als ANNO SALUTUS 1894 am alten Pfarrhaus. Eine Orgel bekam die Kirche 1942/43, geweiht wurde sie kriegsbedingt erst am 24. Dezember 1947. Am 6. August 1951 ging das im Pfarrgarten gebaute „Josefshaus“ an den Kindergarten.

Der Neubau von 1958

Dann, in einem einzigen Jahr: Grundsteinlegung am 15. August 1958, Richtfest am 27. Oktober, Einweihung am 30. November 1958 — dem ersten Adventssonntag — durch Weihbischof Adolf Bolte, der ein halbes Jahr später selbst Bischof von Fulda wurde. Bauherr war Pfarrer Heinz Rumph, Architekt Josef Westermeier. Mitgebaut haben der Bauorden des Pater Werenfried van Straaten und die Gemeinde selbst. Gewollt war ein „Zelt Gottes“, kein Kirchenbau im alten Stil.

Die Ausstattung kam Stück für Stück in den folgenden zwei Jahrzehnten:

St. Bonifatius: die Ausstattung nach 1958
DatumWasVon wem
Mai 1959Figur des „schwarzen“ Josef, geschnitztHans Belau, Düsseldorf
Dezember 1960Die FensterHeinz Hindorf, Michelstadt im Odenwald
12. Mai 1963Weihe der vier Glocken: Christkönig f 1.050 kg, Maria a 680 kg, Bonifatius c 380 kg, Josef d 210 kgDomkapitular Dr. Heribert Abel, Fulda
12. März 1964Kreuzweg aus DallglasUrsula Koschinsky
14. Mai 1967Bronzekreuz, 200 kg — vom selben Künstler wie Tabernakel und AmboKarl Franke
29. Februar 1976Weihe der neuen Orgel, erstmals gespielt von Prof. Stockmeier aus Köln—
1992Gründliche Renovierung, Motto „Unsere Kirche — ein Haus aus lebendigen Steinen“—

Quellen

  • Zur Grabung: Karl Kollmann, Petrus und Paulus über dem Knochenlager. Archäologische Untersuchungen an der St. Crucis-Kirche in Allendorf abgeschlossen, in: Das Werraland 1/2008, S. 20–22. Der Bericht ist urheberrechtlich geschützt; hier ist er referiert, nicht abgedruckt.
  • Zur Baugeschichte: Georg Dehio, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, Hessen, 1966. — Adolf Reccius und Horst Schütt, Ortsgeschichte, 2000. — Zeitschrift Hessische Heimat, 2. Jg. 1952/Heft 1 und 21. Jg. 1971/Heft 3 (dem Verein zur Verfügung gestellt von Gerhard Rademacher). — Wikipedia: St. Crucis für Turmhöhe, Orgelgeschichte und Glockendaten.
  • Zu St. Bonifatius: Franz Englisch, Die katholische Gemeinde in Bad Sooden-Allendorf, Heft 4 der Schriftenreihe des Stadtarchivs Bad Sooden-Allendorf. Dort steht der vollständige Text der Grundsteinurkunde.
  • Zu den Steinmetzzeichen: eigene Fotodokumentation des Vereins, 2008; Fotos Gerhard Rademacher, Bildbearbeitung Helmut Schulte.
  • Zu Personen und Daten: Adolf Bolte, Joseph Weyland.

Stand dieser Seite: 28. September 2026. Der Bibelgarten auf demselben Gelände hat eine eigene Seite.