Johannes Rhenanus
Ein Pfarrer, der lieber Salz siedete als predigte. Der seinem Landesherrn schrieb, er zahle die Versuche notfalls selbst. Und der starb, nachdem er sich ein letztes Fass Wein erbeten hatte. Ein Bildnis von ihm gibt es nicht — nur diese Tafel im Kurpark.
Um 1528 in Melsungen geboren, gestorben am 29. April 1589 kurz nach ein Uhr in Sooden. Dazwischen liegt ein Leben, das in keine der Schubladen passt, die das 16. Jahrhundert bereithielt: Theologe von Beruf, Ingenieur aus Leidenschaft, Verwaltungsbeamter aus landesherrlichem Befehl — und Trinker, was seine Vorgesetzten wussten und ertrugen, weil sonst niemand gewusst hätte, wie dieses Salzwerk funktioniert.
Vieles, was hier steht, war bis vor kurzem nicht lesbar: Es stand in Rhenanus’ eigenem Werk, in Kanzleikurrent, auf rund 2.000 handgeschriebenen Seiten. Diese Handschrift wird inzwischen Satz für Satz übertragen und übersetzt. Die Leseausgabe steht unter salzbibel.de; die Stellennachweise auf dieser Seite führen direkt dorthin.
Der Name
Er hieß Johannes Rheinland. Erst als Student latinisierte er sich zu Rhenanus, wie es unter Gelehrten damals Mode war. Vater und Mutter kennen wir nicht — bei einem Mann, dessen berufliches Leben so dicht dokumentiert ist, bleibt die Herkunft ein weißer Fleck.
Drei Männer, ein Name. Beatus Rhenanus (1485–1547), der elsässische Humanist, hat mit Allendorf nichts zu tun. Der Alchemist Johannes Rhenanus, Leibarzt des Landgrafen Moritz, ist sein Enkel — nicht er selbst. Diese Verwechslung steht bis heute in Nachschlagewerken und macht aus dem Salinisten einen Goldmacher, der er nie war.
Das Urteil, gegen das er ein Leben lang anschrieb
Wie man ihn in Sooden sah, als er anfing, hat er selbst aufbewahrt: In dem Verzeichnis, das er dreißig Jahre später von den Akten des Salzwerks anlegte, steht der Kurztitel eines Schreibens, mit dem Salzgraf Jost Becker den Landgrafen warnte — man solle „Rhenanus als einem jungen Mann, der allein in Büchern gelesen, sonst aber nicht viel erfahren habe, in allem nicht verpflichten“. Der Mann, dem das galt, hat den Satz abgeschrieben, eingeordnet und aufgehoben. (Bd. 2, Bl. 495v–496r)
Vom Prediger zum Salzgrafen
Er studierte Theologie in Marburg und wurde 1553 von Adam Kraft ordiniert, dem Reformator Hessens. Kurz war er zweiter Pfarrer in seiner Heimatstadt Melsungen, danach Pfarrer in Marburg. 1555 versetzte man ihn nach „Allendorf in den Soden“, wo er zu Pfingsten als vierter Pfarrer eingeführt wurde.
Damit hätte die Geschichte zu Ende sein können: ein Landpfarrer unter vielen. Aber das Salzwerk lag danieder. Die Siedehütten waren marode, die Wälder ringsum abgeholzt, Brennholz kam nicht mehr in der nötigen Menge — und die Pfännerschaft hatte, um die Preise hochzuhalten, sogar eine neu entdeckte Salzader verschwiegen. Die Klagen über Salzmangel häuften sich.
Landgraf Philipp der Großmütige griff durch: Er zwang der Pfännerschaft einen Vertrag auf, der ihm 43 eigene Siedehäuser neben den 44 der Pfänner sicherte — so stehen die Zahlen in der Handschrift, und die Bestätigungsurkunde von 1586 nennt die Pfännerhäuser ausdrücklich „vierundvierzig“ — — den Fürsten-Soth. Doch staatliche und private Koten nebeneinander funktionierten schlecht; schon eine gemeinsame Preisfestsetzung scheiterte. Also pachtete der Landgraf auch die Pfänner-Hütten samt ihrem wertvollen Wald. Und für die Aufsicht suchte er einen tatkräftigen Mann.
Er fand ihn im Pfarrhaus. 1559 bekam Rhenanus die Aufsicht über die Holzwirtschaft — für die Pfänner ein Angriff auf uralte Rechte. 1561 kam die Mitaufsicht über das Salzwerk dazu. Von da an war er der meistgehasste Mann in Allendorf.
Der Beweis: 140 gegen 95
Wer eine eingespielte Ordnung ändern will, muss liefern. Rhenanus richtete einen Probier-Kot ein, eine Versuchssiedehütte auf eigene Rechnung. Das Ergebnis war nicht zu bestreiten: 140 Pfannen Salz im Jahr gegen 90 bis 95 in der hergebrachten Arbeitsweise. Fast die Hälfte mehr, mit derselben Sole.
1559: „das Sieden des Pfarrers“
Dass er nicht nur beaufsichtigte, sondern selbst am Herd stand, steht in einer fürstlichen Verordnung: Man solle eine Zeit lang die Sole aus dem Brunnen heben, damit Christoph Homberg eine neue Kunst ersinnen möge — „und dass Rhenanus mit seiner Kunst fortfahren solle. Anno 1559“. (Bd. 2, Bl. 509v–510r) Im August desselben Jahres schreibt Landgraf Wilhelm nach Sooden und verhandelt in einem einzigen Brief „des Siedens des Pfarrers“ und „des Siedens Meister Heinrichs“ nebeneinander: zwei konkurrierende Siedeversuche, einer davon der des Geistlichen. (Bd. 2, Bl. 491v) Es ist der früheste Beleg für ein eigenes technisches Verfahren — vier Jahre vor den Kohleversuchen.
Ein Pfarrer schreibt sich ein Vetorecht
In der Salzwerksordnung, die er selbst „aus allen Ordnungen zusammengezogen“ und dem Landgrafen 1567 übergeben hat, steht sein Amt in seinen eigenen Worten. Er ist dort der zweite von drei Salzgrafen, zuständig für das Scheitholz von der Hauung bis zum Register. Dann folgt der Satz, der die Machtverhältnisse umdreht: Sei er im Ort, so sollten ihm alle Register der Beamten wöchentlich vorgelegt und von ihm selbst gelesen werden, und im Salzwerk dürfe „nichts vorgenommen, beratschlagt noch beschlossen werden … es sei denn, er selbst sei persönlich dabei gewesen, sein Rat und Bedenken gehört und es mit seinen eigenen Händen bestätigt und unterschrieben“. (Bd. 1, Bl. 517r)
Wie er sich nannte, richtete sich danach, wer den Brief bekam: auf dem Titelblatt „Pfarrer und Salzgraf zu Sooden“, in der Reiseinstruktion von 1568 „Salzgraf zu Allendorf an der Werra“ und dort auch „Ihrer Fürstlichen Gnaden derzeit ältester Diener und Salzgraf im Salzwerk“, 1569 unter einem kursächsischen Gutachten „Johann Rhenanus, hessischer Salzgraf“ — und der Landgraf selbst schrieb ihn 1570 als „unseren Pfarrherrn zu Allendorf an der Werra“ an. 1584 heißt er in der Handschrift „Magister Johannes Rhenanus, Seiner Fürstlichen Gnaden Pfarrer und Salzgraf zu Sooden bei Allendorf“.
Der Pfarrer als Salzagent des Hochadels
Neben Holz, Sole und Rechnungen läuft durch seine Post eine Reihe von Bestellungen: Dietrich edler Herr zu Plesse begehrt 1567 zweieinhalb Pfannen Salz, Graf Ernst zu Solms 1571 zwei, 1573 Ludwig zu Nassau, 1576 Graf Johann von Nassau und Elisabeth Landgräfin zu Leuchtenberg, 1579 Hermann von Uffeln. Dazu Kommissionen, für die ihn der Landesherr einsetzt: 1568 mit dem Landvogt als Vertragskommissar, 1578 als Untersuchungskommissar in Sontra und Rotenburg, 1580 eine Anfrage des Fürsten von Henneberg wegen eines Glasers, und ein Briefwechsel mit dem Bremer Bürgermeister Daniel von Büren über Salz und Torf.
1562: Das Verfahren
Im Jahr darauf stand er vor dem Superintendenten und der versammelten Pfarrerschaft des Fulda- und Werrastroms. Der Vorwurf: Neigung zum Trunk. Man legte ihm nahe, eines seiner beiden Ämter niederzulegen — Pfarrer oder Salzgraf, beides gehe nicht.
Der Landgraf deckte ihn, unter Verweis auf sein landesherrliches Kirchenregiment. 1563 bot er ihm selbst an, das Pfarramt abzugeben. Rhenanus lehnte ab. Er nahm sich einen Kaplan für die Seelsorge und blieb beides bis zu seinem Tod.
Das Buch, das nie gedruckt wurde
1567 regte Philipp an, Rhenanus solle sein Wissen aufschreiben. Sein Sohn Wilhelm IV., der Weise, machte daraus einen Befehl. Gemeinsam mit dem zweiten Salzgrafen Christoph Hombergk begann er am New Saltzbuch — der Salzbibel, wie man sie nannte, weil ein Pfarrer sie schrieb.
Fast zwanzig Jahre dauerte es. Am Ende lagen rund 2.000 Seiten vor: fünf Bücher, vier Anhänge, einige Miszellen, in zwei Bänden, dazu neun „Kunstrisse“ — technische Zeichnungen von Maschinen.
Die Arbeit stockte immer wieder. Beide Verfasser waren, wie es eine Quelle formuliert, der Meinung, man solle die Gaben Gottes ehren, besonders die Reben. Als wieder einmal ein Zwischenbericht ausblieb, schrieb Wilhelm IV. an Hombergk einen Satz, der beides zeigt — Ärger und Angewiesensein:
Im Wortlaut„Dann, wen Du und der Pfarherr soltet abgehen, wie Ir dan beide Saufens halben auch nitt wenig krenket und ewer Leben schwecht, so wehr itzo kein Mensch nicht mehr, der des Saltzwercks Ankunft oder Gelegenheit wüste.“
HeuteDenn wenn Du und der Pfarrer sterben solltet — und ihr schadet euch mit dem Trinken ja beide nicht wenig und verkürzt euer Leben —, dann wäre jetzt kein Mensch mehr da, der wüsste, wie das Salzwerk entstanden ist und wie es beschaffen ist.
Der Landesherr ließ es dabei nicht bewenden: Er schickte gelegentlich ein Fässchen Wein aus dem Hofkeller nach Sooden. 1585 und 1586 allerdings sperrte er zweimal das Gehalt, weil das Buch nicht fertig wurde; eine geforderte Kaution über 200 Gulden konnte Rhenanus nicht stellen.
Gedruckt wurde das Werk nie — Salinentechnik war Staatsgeheimnis. Drei Handschriften sind bekannt, und keine zwei davon sind je miteinander verglichen worden. Die Urschrift von Rhenanus’ eigener Hand soll in der Bibliothek des früheren Oberbergamts Clausthal-Zellerfeld liegen; welche Nachfolgeeinrichtung sie heute führt, ist nicht ermittelt, und ein Digitalisat gibt es nicht. Die Reinschrift — eine zeitgenössische Abschrift, nicht das Arbeitsmanuskript — liegt in der Universitätsbibliothek Kassel unter der Signatur 2° Ms. Hass. 186; sie ist digitalisiert und die Grundlage dieser Website. Eine dritte Abschrift besitzt das hiesige Salzmuseum. Was das für die Lektüre bedeutet, steht auf der Seite Wie diese Ausgabe entsteht.
Die Kasseler Handschrift ist inzwischen vollständig digitalisiert: 2.188 Aufnahmen in drei Bänden, frei zugänglich im Repositorium ORKA der Universitätsbibliothek, gemeinfrei. Angestoßen hat das Dr. Friedrich von Waitz. Wer heute wissen will, wie Rhenanus schrieb, kann es nachsehen — die Seiten auf dieser Website stammen von dort.
Was weiterhin fehlt, ist etwas anderes: eine Edition. Herausgegeben ist bis heute allein das Reisebuch, einer der vier Anhänge, durch Hans-Henning Walter 1989. Die fünf Bücher, das Universal- und das Spezialprobierbuch und die neun Kunstrisse hat nie jemand ediert. Schon Wagner schrieb 1865, das Buch sei „nur von Wenigen gesehen“ worden.
Was das Buch so wertvoll macht
Darin steht die älteste bekannte Beschreibung eines Gradierwerks. Rhenanus sah die Anlage 1568 auf einer Reise in Sulza und beschrieb sie — damals hieß so etwas „Leckwerk“. Er hat die Technik nicht erfunden: Eine ältere Anlage stand seit 1562 in Bad Kissingen, und in Allendorf selbst wurde erst nach seinem Tod gradiert, ab 1601. Aber niemand vor ihm hat aufgeschrieben, wie es geht.
Wie das Buch wirklich entstand
Die Handschrift datiert ihre eigene Entstehung genauer, als die Literatur es tut. Am 24. Februar 1567 schreibt Wilhelm IV. aus Kassel an Christoph Homberg und begründet den Auftrag damit, dass die Vornehmsten, „die den Ursprung und alle Umstände des ganzen Salzhandels kannten, nunmehr fast alle gestorben“ seien, „sodass ihrer kaum noch zwei vorhanden sind, unter denen du einer bist“. Der Pfarrer habe das Werk schon „in einzelne Kapitel und Artikel gefasst“; Homberg solle helfen. Und für den Fall, dass die beiden sich nicht einig würden: „so gebt uns die Gründe beider Seiten schriftlich zu erkennen“. (Bd. 3, Bild 27/28)
Homberg half nicht. Am 18. März 1567 schreibt der Landgraf ihm erneut, diesmal angeredet als „Salzwart zum Sooden“: „so sind wir seither von dem genannten Pfarrherrn berichtet worden, dass du dich diesem Werk widersetzt und vorgibst, es sei dir beschwerlich, das Buch fertigen zu helfen. Das nimmt uns von dir wunder.“ (Bd. 3, Bl. 13r–14r) Der Mitarbeiter verweigerte sich — und angezeigt hatte ihn der Pfarrer.
Im August 1567 stirbt Homberg; der Tagesplatz im Datum bleibt in der Handschrift leer. Was von ihm bleibt, ist eine Messreihe, die mitten im Jahr abbricht, mit dem Satz: „Bis hierher hat der selige Christoff Homberg geprobt; er ist am — August in Gott verschieden. Die folgenden Proben sind durch den Salzgrafen, den Bornmeister und mich vorgenommen worden.“ (Bd. 2, Bl. 344v) Und ein halbes Jahr später, in einem Kasseler Prüfbericht, der Satz, der zeigt, wie viel mit ihm verloren war: „Christoph Hombergs seliger Witwe. Von ihr ist alles zu erfahren, was zur Sülze gehört“ — und laut Inventar dem neuen Beamten zu übergeben.
In Band 3 klebt ein Zettel späterer Hand, das Buch sei „bereits im Jahr 1568 begonnen und 1574 fertiggestellt“ worden. Die Handschrift selbst widerspricht dem in demselben Band. Der Kasseler Prüfbericht vom 23. Januar 1568 hält fest: „Salzbuch. Es ist fertig; allein es muss noch ins Reine geschrieben werden.“ Am 5. Februar 1570 dankt Wilhelm IV. für „das übersandte Buch“ und stellt die Belohnung in Aussicht — aber erst, „dass das begonnene Buch besonders sauber ins Reine geschrieben werde“. Und das jüngste eingearbeitete Schriftstück des ganzen Werks datiert vom 3. Mai 1586.
Vor Februar 1567 war das Werk also schon in Kapitel gegliedert, im Januar 1568 „fertig“, 1570 lag ein Exemplar beim Landgrafen — und danach hat Rhenanus es sechzehn weitere Jahre fortgeschrieben. Es ist kein Buch, das entsteht, sondern eines, das nicht fertig werden durfte.
Neun Kunstrisse
Am Ende des zweiten Bandes liegen die technischen Zeichnungen — Brunnen, Gerüste, Hebewerke, ein Salinengebäude. Sie zeigen, wie eine Saline des 16. Jahrhunderts gebaut war, gezeichnet von Leuten, die täglich darin standen.
Und was sonst darin steht
Fünf Bücher, vier Anhänge, Miszellen. Das Universalprobierbuch erklärt, wie man den Salzgehalt einer Sole misst — anderthalb Jahrhunderte vor dem ersten Aräometer.
Wenn ihr beide draufgeht, dann weiß kein Mensch mehr, wie dieses Salzwerk entstanden ist.Landgraf Wilhelm IV. an Christoph Hombergk
Die Kohle
1555 fanden Allendorfer und Eschweger Bürger auf dem Meißner Braunkohle. Ab 1563 begann Rhenanus damit zu experimentieren — nicht aus Neugier, sondern aus Not: Die Wälder waren bald leer.
Braunkohle brennt schlecht in einem Ofen, der für Holz gebaut ist. Er ließ einen Rost aus Backsteinen einziehen, damit die Kohle heller brannte. Er führte die „Beisse“ ein: Die schwache Brunnensole wurde mit salzdurchtränkten Herdsteinen angereichert, damit sie schneller auskristallisierte.
Als es immer noch nicht zufriedenstellend lief, nutzte die Pfännerschaft die Gelegenheit und beschwerte sich beim Landgrafen über den verhassten Salzgrafen. Mit Erfolg: Man kündigte ihm Gehaltskürzungen an, falls weitere Schwierigkeiten aufträten. Rhenanus antwortete, er werde die weiteren Versuche dann eben selbst bezahlen.
Er hatte in seiner Probiersiedehütte herausgefunden, dass die Kohle mehr Luft brauchte. Also baute er ein neues Gesöde und setzte einen Kamin auf den Siedeherd. Der Zug führte dem Feuer Luft zu, die Hitze stieg deutlich. Das ging als Allendorfer Windofen in die Geschichte ein. Die Abwärme im Schornstein nutzte er gleich mit: Dort trocknete das Salz ohne zusätzliche Energie — verkauft werden durfte es nur trocken, sonst hätte das Wasser das Gewicht verfälscht. Die Leistung der Saline stieg um über 20 Prozent.
1570 befahl der Landgraf auf Rhenanus' Drängen, bei Schwalbenthal einen Stollen vorzutreiben, finanziert aus den Erlösen der Saline. Am 11. April 1579 fuhr Wilhelm IV. persönlich ein und gab Anweisungen zur Feuerbekämpfung. Die Flöze am Meißner brennen an manchen Stellen bis heute.
Seit 1560 arbeitete er außerdem an der Rosskunst, mit der die Sole gefördert wurde. Das alte Göpelwerk, von zwei Pferden getrieben, taugte wenig; sein Pumpwerk war noch Jahrhunderte später anderswo im Gebrauch.
Die Reise mit dem Probiergerät
Am 28. Juni 1568 unterschreibt Wilhelm IV. eine Instruktion, die im Werk erhalten ist. Sie nennt die Ziele: Auleben, Frankenhausen, Halle in Sachsen, Artern, Aschersleben, Staßfurt, Groß Salza, Lüneburg, Salzdetfurth, Salz zur Hölle und Bodenfelde. Sie regelt auch, wie man sich zu verhalten habe: „Erstens soll er an jedem Ort das Salzwerk privat besichtigen, doch die Briefe bei sich im Busen tragen.“ Und: „Zu diesem Behuf soll er ein kleines Probiergerät bei sich haben, an jedem Ort die Sole proben und dies in sein Büchlein aufzeichnen.“ Ein Nachtrag von anderer Hand schickt ihn zusätzlich nach Bremen, wegen des Torfs — „ob dieser in großer Menge zu bekommen ist und wie teuer ungefähr eine Tonne“. (Bd. 2, Bl. 363r–364v)
Was er auf dieser Reise sah, steht im vierten Anhang, dem Reisebuch: in Sondershausen ein zweistündiges Fachgespräch mit Doktor Johann Bayr, am Wipper-Stollen die Maße „von einem Mundloch zum anderen 120 Ruten lang und am höchsten Ort 24 Ellen tief“, in Frankenhausen eine Sole von „hundertzwei Lot am Gewicht der rohen Sole, sechzehn Lot aber am Gehalt“ — und die Auskunft der Dortigen, „sie hätten nie von einem Probieren der Sole gehört“. In Artern bleibt ihm das dritte Bothe der Nürnberger verschlossen. In Sulza sieht er die Gradieranlage, wie er selbst schreibt, „über Zäune und Gräben hinweg“ — es ist die älteste bekannte Beschreibung eines Gradierwerks, und sie beruht auf einem Blick über einen Zaun.
Ein Jahr später ist aus dem Reisenden ein Gutachter geworden: Am 23. November 1569 unterzeichnet er in Auleben im Auftrag des Kurfürsten von Sachsen einen Bericht, neben dem Hauptmann zu Sangerhausen, dem Oberhüttenmeister des Bergwerks Freiberg und dem Bergvogt zu Sangerhausen — als „Johann Rhenanus, hessischer Salzgraf“. Zwei Tage später folgt ein zweites Gutachten über Artern. (Bd. 2, Bl. 377v–379v)
Der Ruf reicht bis Pommern
Ab 1567 reiste er: Braunschweig, Thüringen, Lüneburg, Sachsen. 1583 wurde daraus ein diplomatischer Vorgang. Am 12. Juni schrieb Herzog Julius von Braunschweig-Lüneburg an Wilhelm IV.: Sein Schwiegersohn habe in Pommern eine neue Salzader gefunden, Rhenanus möge eine mitgeschickte Soleprobe untersuchen — und am besten gleich selbst kommen. Einen Tag später bat auch Herzogin Sophie Hedwig von Stettin-Pommern um „Magister Johannes Rheinanus, Pfarrer zu Allendorff“.
Wilhelm antwortete am 17. Juni abschlägig: Rhenanus sei alt und krank. Er war 55. Der zweite Grund dürfte der wahre gewesen sein — er könne auf seinen Salzgrafen nicht verzichten. Nach weiteren Bitten gab er nach, unter einer Bedingung: in vier Wochen zurück.
Am 10. März 1584 brach Rhenanus auf, über Leimbach und die Grafschaft Mansfeld, und traf am 31. März in Wolgast ein. Er besichtigte Salinen, Eisenhütten und Hammerwerke und schrieb eine eigene Reisebeschreibung. Mitte Mai war er noch in Pommern. Aus vier Wochen wurden mehr als zwei Monate.
Was er in Pommern tat, Tag für Tag
Die Reisebeschreibung steht in der Handschrift und ist der genaueste Bericht, den wir von ihm haben. (Bd. 2, Bl. 422r–440r) Am 2. und 3. April probt er vor dem Herzog, der Herzogin, dem Kanzler und den vornehmsten Dienern die mitgebrachte hessische Sole gegen die versiegelten Proben aus Treptow und Klempenow: „In der hessischen Sole habe ich 6½ Lot und in den anderen nichts befunden.“ Am 4. April die erste Fahrt nach Greifswald, wo die Sole „mit einem eingelassenen und mit Steinen beschwerten Krug aus der Tiefe geschöpft“ wird; am 5. April geprobt, „nicht ganz 3-lötig“; am 6. April fährt der Herzog selbst mit. Dann reiht sich Ort an Ort: Anklam und Ueckermünde, die Ueckermünder Heide, die verfallene Hammerhütte in Jasenitz, Stettin, Torgelow, Krugsdorf und Koblentz; über das Meer nach Bergen auf Rügen, Mönchgut, Jasmund, Stubbenkammer und Königsstuhl, Wittow und Hiddensee, wo ihm mitten im Meer etwas auffällt, das „im Geruch“ nach Sole war — „einlötig befunden“. In Wolgast lässt der Goldschmied Hans Kerchen die mitgebrachten Sandsteine „auf der Kapelle verrauchen, hat aber gleichwohl nichts befunden“. Bei Treptow wird eine schwarz glänzende Erde gelaugt und die Lauge „durch den Wundarzt dort, Curt Bödicker, per Alembik“ destilliert. Bei Klatzow findet er einen Brunnen mit Säuerlichkeit: „mir hat auf allen vorigen Reisen keines besser gefallen als dieses“ — daneben „eine dicke, pechzähe, schwarzfarbene Quelle“. Nach dem 17. Mai bricht der Bericht ab.
Am Osterdienstag, als die Sole von Koblentz vor dem Herzog nur ein Lot hält, fällt der Satz, der ihn besser kennzeichnet als jede Amtsbezeichnung. Er steht unmittelbar hinter der sachlichen Begründung, es stehe „nicht in meinem Vermögen, die Sole anders und besser zu schaffen, als sie Gott gibt“ — außer dass man etwas im Feuerherd unter der Pfanne durch Fleiß ausrichten und etwas vom zulaufenden Tag- oder Wildwasser durch Stollen abwenden könne, „wie es im hessischen Salzwerk geschehen ist“:
Im Wortlaut„Ich bin nicht der Schöpfer, sondern ein Sünder des Schöpfers.“
Die Bilanz, die er selbst aufschrieb
Was aus seinem Lebenswerk geworden war, hat er in Zahlen festgehalten. 1584: „Von den 43 Bothen, die unserem gnädigen Fürsten und Herrn gehören, sind nunmehr Anno 84 zwanzig zum Steinkohlensieden hergerichtet; das hat bisher, sie auf diese Art herzurichten und zu bessern, gekostet — 3524 Gulden 17 Albus 5½ Heller.“ (Bd. 2, Bl. 259r) Im selben Jahr die Anmerkung zur Sole: „Im September und Oktober hat die Sole im Brunnen an der Menge sehr abgenommen, so dass man ihrer zum Sieden nicht genug holen konnte und deshalb auch viele Werke haben kaltliegen müssen.“
1585 steht der Satz, in dem eine lebenslange Erwartung nicht eintrifft. Nach einem schneelosen Winter erhebt sich am 18. Juni die Werra von starkem Regen so sehr, dass man am Brunnen ausspannen muss; „deshalb meinte man, die Sole würde sich davon wie im Frühling von den Winterfluten gebessert haben; aber sie hat sich über ein halbes Lot nicht gebessert und ist auch an der Menge bald wieder abfällig geworden“. Der letzte Eintrag der ganzen Reihe, 25. Juli 1585: „ein Quart — 5 Lot gar knapp.“ (Bd. 2, Bl. 360r–360v)
Und am 3. Mai 1586, im jüngsten Schriftstück des Werks, verlängert Wilhelm IV. die am 23. Dezember 1585 abgelaufene Verpachtung — aber nicht mehr auf dreißig Jahre, sondern ohne feste Frist und mit einjähriger Kündigung. Die Gründe schreibt er selbst in die Urkunde: „besonders, dass unser Seulingswald während der bisher währenden Verpachtung merklich ausgezehrt worden ist“; „dass es auch mit dem Steinkohlenbergwerk am Meißner die Bewandtnis habe, dass darauf nichts Gewisses zu bauen sei“; und dass das Salzwerk „auf die Dauer aus Mangel an notwendiger Befeuerung nicht in dem Stand und Wesen, wie bisher geschehen, erhalten werden könnte“. Für den Fall, dass Wald oder Bergwerk versagen, will der Landgraf den Pfännern „ihre vierundvierzig Siedehäuser ohne weiteres abtreten“. Unterschrieben hat neben ihm sein Sohn Moritz; verbürgt haben sich vier Grafen, vierundzwanzig vom Adel und vierundzwanzig Städte. (Bd. 2, Bl. 19r–22v)
Wie er selbst über sein Buch sprach
In der Widmung an den Landgrafen hat er aufgeschrieben, womit er rechnete. Er sei „an diesen Ort und Winkel des Fürstentums Hessen, meines geliebten Vaterlandes, zum Prediger und Salzgrafen bestellt worden“, und er habe es für Amtspflicht gehalten, seine Zuhörer auf die Gaben dieses Ortes hinzuweisen, „nicht nur mündlich von der Kanzel, sondern … mit der Feder und schriftlich“. Dann: „Es werden giftige Nattern über diesen meinen Fleiß und diese Arbeit herfallen. Denn wer an den Weg baut, wie man sagt, hat viele Meister.“ Der einzige Einwand, den er ernst nimmt, ist der, seine Arbeit sei „mehr politisch als theologisch und darum nicht meines Berufs und Amtes“. Er antwortet darauf mit einer Nüchternheit, die man selten liest: „Hätte meine Feder geruht und geschwiegen, das Salz wäre nichtsdestoweniger Salz gewesen … und durch meine Arbeit und mein Schreiben ist das Allendorfer Salz weder besser noch schlechter geworden.“ Und zum Schluss der Satz, der wie eine Gebrauchsanweisung für die zweitausend Seiten klingt: er habe sie geschrieben, „wenn auch nicht gründlich und erschöpfend, so doch der Oberfläche nach, um anderen einen Anreiz zu geben, es besser zu machen“. (Bd. 1, Bl. 10r–12r)
Das letzte Fass
1589 erkrankte er schwer. Er schrieb dem Landgrafen und schickte ein leeres Fässchen von drei Vierteln mit — mit der Bitte, es mit einem guten Wein zu füllen. Es werde wohl der letzte sein, den er trinke.
Wilhelm IV. schlug seinem todkranken Salzgrafen den Wunsch nicht ab. Rhenanus starb kurz darauf, am 29. April 1589 kurz nach ein Uhr. Am 1. Mai um zwei Uhr nachmittags wurde er in der Kirche zu Sooden begraben. Sein Grab ist verloren — was 1637 beim Stadtbrand nicht verbrannte, verschwand später.
Was er hinterließ
Nicht Vermögen: 993 Gulden Schulden, dreieinhalb Jahresgehälter. Der Landgraf beglich sie.
Aus der ersten Ehe mit Catharina Braun — geheiratet 1566, Tochter des Melsunger Rentschreibers Jost Braun, gestorben 1586 — stammten fünf Kinder. In zweiter Ehe war er mit Catharina Schott, geborene von Löwenstein, verheiratet.
- Martin RhenanusDoktor der Medizin, Arzt in Eschwege
- Beatus RhenanusStadtarzt in Salzungen
- Johannes RhenanusDer Enkel: Leibarzt des Landgrafen Moritz des Gelehrten, alchemistischer Autor
- Johannes RhenanusDer Urenkel: Fähnrich, heiratet 1632 Agnes Gazweiler aus Leipzig
Und noch etwas, das nichts mit Salz zu tun hat: Als 1584 in Melsungen ein Streit zwischen Bürgerschaft und Rat über die Repräsentationsausgaben ausbrach, verlangte die Bürgerschaft eine Prüfung der Stadtrechnungen der letzten achtzehn Jahre — und schlug als unparteiischen Prüfer Johannes Rhenanus vor. Der Mann, dem die Allendorfer Pfänner nichts Gutes nachsagten, galt in seiner Heimatstadt als über jeden Verdacht erhaben. Wie der Streit ausging, ist nicht überliefert.
Kein Gesicht
Es existiert kein Bildnis von Johannes Rhenanus. Kein Archiv, kein Museum, keine Quelle führt eines. Wo eines kursiert, zeigt es vermutlich einen Nachkommen — am ehesten ein Autorenporträt aus den Frankfurter Drucken seines Enkels von 1613 und 1625.
Was von ihm bleibt, sind zweitausend handgeschriebene Seiten in zwei Bibliotheken, ein Ofentyp, der seinen Ortsnamen trägt, das älteste Braunkohlebergwerk Deutschlands — und ein Brief, in dem ein Landgraf sich über das Trinken seiner Beamten beklagt und im selben Satz zugibt, dass er ohne sie verloren wäre.
Was noch zu klären ist
- Das SaltzbuchDigitalisiert ja, ediert nein. Ediert ist allein das Reisebuch (Walter 1989). Fünf Bücher, zwei Probierbücher und neun Kunstrisse warten auf eine Ausgabe — ein Forschungsdesiderat ersten Ranges.
- Die ReisebeschreibungGefunden. Der Bericht über die Pommernreise steht in der Kasseler Handschrift, Band 2, Bl. 422r–440r, Tag für Tag — (nachlesen). Er bricht nach dem 17. Mai 1584 ab.
- Die Unterschrift von 1552In Rhenanus’ eigenem Aktenverzeichnis steht eine Verordnung der Salzgrafen und Beamten zu Sooden, „unterschrieben durch Jost Becker, Johann Rhenanus, Johann Bartholomäus, Berthold Kempf und Christoff Homberg“, mit der Resolution „Anno 52 den 28. September“. Das wäre drei Jahre vor seiner überlieferten Ankunft. Entweder war er 1552 schon in Sooden — oder sein eigenes Verzeichnis irrt sich über die Unterzeichner eines Stücks, das er in der Hand hatte. (Bd. 2, Bl. 493v)
- Der 9. September 1567Ein Eintrag in der Probenreihe lautet: „Den 16. September — nachdem ich am 9. zu Sooden eingetroffen und mein Amt angetreten hatte — probten der Salzgraf, Venandt und ich die Sole.“ Schreibt das Rhenanus selbst, dann ist der 9. September 1567 der Tag, an dem er nach Hombergs Tod in das freigewordene Amt und in den Ort einzog. Schreibt es ein Dritter, dann ist es der Amtsantritt eines namenlosen Nachfolgers. Beide Lesungen sind möglich; entschieden ist es nicht. (Bd. 2, Bl. 345r)
- Der WindofenIn der technikhistorischen Fachliteratur nicht unter diesem Namen zu finden. Belegt ist der Brennstoffwechsel, nicht der Begriff.
- SterbedatumDer 29. April steht in mehreren Quellen. Ältere Literatur nennt nur „im Mai“ — vermutlich eine Verwechslung mit dem Begräbnistag.
- Das PatentgesuchEr bat den Kaiser um zehn Jahre reichsweiten Nachahmungsschutz. Der Ausgang ist unbekannt.
Quellen dieser Seite
Kurt Maurer, Johannes Rhenanus, Geschichtsverein Melsungen e.V. — gestützt auf die Gedenkrede von Hugo Klepsch zum 400. Todestag, gehalten 1989 für den Verein für Heimatkunde Bad Sooden-Allendorf.
Hermann Cramer, M. Johannes Rhenanus, der Pfarrherr und Salzgräfe zu Allendorf a. d. Werra. Ein Beitrag zur Bergwerksgeschichte Pommerns, Halle 1879 — die Quelle für Briefwechsel und Reise.
G. Wagner, Geschichte der Stadt Allendorf an der Werra und der Saline Sooden, Marburg 1865 — Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek. Quelle für das Disziplinarverfahren von 1562 und die Gehaltssperren.
Friedrich Freiherr Waitz von Eschen, Der nordhessische Braunkohlenbergbau 1578 bis 2003, in: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde 2007.