Salz und Sole
Wie aus Wasser unter der Erde ein Handelsgut wird — und warum das ein ganzes Tal geprägt hat.
Woher die Sole kommt
Vor rund 250 Millionen Jahren lag hier ein flaches Meer, das mehrfach verdunstete. Zurück blieben Salzschichten des Zechsteins, tief unter der heutigen Werra. Grundwasser löst dieses Salz und tritt als Sole zutage — Wasser mit hohem Salzgehalt. In Sooden geschah das an natürlichen Quellen, lange bevor jemand danach bohrte.
Der Weg zum Salz
Sieden
Das älteste Verfahren: Sole in flache Pfannen füllen, Feuer darunter, warten. Das Wasser verdampft, das Salz bleibt. Der Ort dafür heißt Kote — Siedepfanne samt Gebäude. Tacitus beschreibt schon im 1. Jahrhundert ein germanisches Verfahren, bei dem Sole über brennendes Holz gegossen wurde.
Das Problem ist der Brennstoff. Um aus schwacher Sole ein Kilogramm Salz zu gewinnen, muss man sehr viel Wasser verdampfen — und dafür sehr viel Holz verbrennen. Salinen waren die größten Waldverbraucher der Frühen Neuzeit.
Gradieren
Deshalb die entscheidende Erfindung: das Gradierwerk. Sole wird über Bündel aus Schwarzdorn gepumpt und rieselt daran herab. Wind und Sonne nehmen Wasser mit, der Salzgehalt steigt — ganz ohne Feuer. Erst die so angereicherte Sole geht in die Pfanne. Das spart Brennstoff, und zwar erheblich.
Nebenbei fällt der Kalk aus und setzt sich als Dornstein an den Zweigen ab. Und die feine Salzluft, die dabei entsteht, ist der Grund, warum aus einem Industriebetrieb später ein Kurbad wurde.
Bohren
Im 19. Jahrhundert holte man die Sole aus der Tiefe: 1864 entstand in Sooden ein Bohrturm, der Schacht reichte 334 Meter hinab. Dieselbe Technik, mit der man nach Sole bohrte, führte anderswo zum Erdöl — Edwin Drake bohrte 1859 in Pennsylvania ausdrücklich „nach Art der Salzbohrungen“.
Warum Salz so wertvoll war
Ohne Kühlung ist Salz die einzige Möglichkeit, Fleisch und Fisch über den Winter zu bringen. Dazu kommen Viehhaltung, Gerberei, Färberei. Salz ist überall nötig, aber nur an wenigen Orten zu haben — daraus entstehen Handelswege, Marktrechte und Zölle. Genau dieses Bündel steht schon in der ersten Urkunde, die den Ort erwähnt: Salzquellen, Salzpfannen, Markt, Tribut und Zoll.
Eine verbreitete Geschichte stimmt nicht: Römische Soldaten wurden nicht in Salz bezahlt. Das Wort „Salär“ hängt zwar mit sal zusammen, aber die Erzählung vom Salzsold ist eine Erfindung von Wörterbüchern des 18. und 19. Jahrhunderts.
Wem das Salz gehörte
Zunächst einer Genossenschaft Allendorfer Bürger, der Pfännerschaft — Mitgliedschaft nur durch Erbe oder Heirat, 42 Pfannen. 1538 richtete Landgraf Philipp daneben den Fürsten-Soth mit 40 weiteren Pfannen ein. Über drei Verträge, die Lokationen von 1540, 1554 und schließlich der „Ewigen Lokation“ von 1586 mit 53 Siegeln, pachtete der Landesherr die Pfänner-Pfannen — dauerhaft.
Die Pfänner wurden damit faktisch zu Rentenempfängern, blieben aber Eigentümer. Aufgelöst wurde die Pfännerschaft erst 1906, im selben Jahr, in dem das Salzwerk stillgelegt wurde.
Weiterlesen: Vom Salzwerk zum Heilbad · Wagner 1865